Posts mit dem Label Ein Name - Ein Buch werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Ein Name - Ein Buch werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 3. April 2011

[Ein Name- Ein Buch] Mila Lippke - Irgendwie mein Leben

Mila Lippke :: Irgendwie mein Leben :: 416 Seiten :: € 8,95 [D] :: Mai 2010 bei Ullstein TB ::

Inhalt:
Mara führt ein glückliches Leben. Verheiratet mit ihrem Traummann, erfolgreich im Beruf und im neunten Monat Schwanger. Sie kann es kaum erwarten, ihre Tochter Finja endlich in den Händen zu halten. Alles scheint perfekt vorbereitet. Doch bei einer Routineuntersuchung erfährt sie, dass ihre Tochter nicht mehr lebt. Für sie und ihren Mann Klaus bricht die Welt zusammen und dieser Schicksalsschlag wird zur Belastungsprobe für ihre Beziehung.

Wahrheiten-Rezension:

Irgendwie mein Leben“ ist die Geschichte eines Abschieds und des Neuanfangs. Es ist der Weg einer Mutter, der das Liebste genommen wurde. Es ist aber auch die Geschichte einer Frau, die gelernt hat, dass jeder Dunkelheit ein Sonnenaufgang folgt. Es ist die Geschichte eines Kampfes mit sich selbst und mit dem Rest der Welt. Es ist die Geschichte von Wut, Verzweiflung und Ohnmacht.

Das Leid der Protagonistin wird aber keineswegs romantisierend und melancholisch dargestellt. Vielmehr bringt es dem Leser sehr authentisch nahe, was es heißt, Atemnot aus Trauer zu erleiden. Was es heißt in einem Teufelskreis gefangen zu sein. Der Autorin gelingt es durch die sehr ausführlichen und wiederkehrenden Darstellungen der Trauer und Ohnmacht der Protagonistin die Authentizität des Dargestellten zu bewahren. Denn wenn sich auch die Welt weiterdreht, der Leidende kehrt immer wieder zu seinem Leid wieder, um aber gestärkt herauszugehen und einen neuen Lebensabschnitt zu wagen.
Mich hat die Geschichte der Mara sehr an die Metapher eines Schmetterlings erinnert. Anfänglich sind sie Rauben und gehen über in das Stadium des Kokons, um durch einen anstrengenden und kraftaufreibenden Prozess der Entpuppung zu einem wundervollen Schmetterling zu werden, als welches sie leicht in der Luft fliegen. Der leidvolle und anstrengende Prozess ist nötig, damit aus der Raupe ein Schmetterling wird.


Fazit:
Ein trauriges aber dennoch sehr lesenswertes Buch, welches einem sehr deutlich macht wie unbeständig das Leben sein kann.



Mila Lippke im Interview:


Die Autorin:

Mila Lippke (*1972) arbeitet als Buch- und Fernsehautorin und lebt mit ihrer Familie in Köln. Ihre ersten vier Bücher sind historische Krimis. Mit „Irgendwie mein Leben“ hat sie einen Roman vorgelegt, der autobiographische Züge trägt. Zur Zeit schreibt sie an einem neuen Roman, der sich dem Thema „Erinnerungen“ widmet.


Wie viel autobiographisches steckt in deinem Roman und ist der Titel eine Anspielung auf diese Tatsache?


Wie meine Heldin Mara ist auch meine erstgeborene Tochter als Säugling gestorben. Allerdings erst Tage nach der Geburt. Ich habe bewusst ein etwas anderes Schicksal als meines für die Protagonistin gewählt, weil ich beim Schreiben freier sein wollte – und in Bezug auf die Gefühle ehrlicher. Denn wenn ich über mich geschrieben hätte, hätte ich aus Selbstschutz niemals all diese seelischen Abgründe so genau und detailliert geschildert, die Mara durchmachen muss. Die Fiktion war für mich sozusagen eine Möglichkeit, die Realität schonungsloser darzustellen. Der Titel hat übrigens mit einer Formulierung zu tun, die ganz, ganz viele Frauen verwenden, deren Kinder gestorben sind. Sie haben das Gefühl, plötzlich in einem Leben zu stecken, das nicht ihres ist. „Das kann doch irgendwie nicht mein Leben sein“, sagen sie dann. Aber es ist natürlich ihr Leben und das müssen sie im Zug des Trauerprozesses akzeptieren. So ging es mir auch.


Bisher hast du nur historische Krimis geschrieben. Was war der entscheidende Grund einen so bewegenden Roman zu schreiben?


Der Tod meiner Tochter war ein so prägendes Ereignis in meinem Leben, dass ich ziemlich rasch das Bedürfnis hatte, das Thema literarisch zu verarbeiten. Zunächst nur als Backwound meiner Ermittlerin in „Die Zärtlichkeit des Mörders“. Es hat dann aber noch einige Zeit gedauert, bis ich einen Roman angedacht habe, der allein dieses Thema behandelt. Übrigens habe ich darüber den Roman für mich als Genre entdeckt. Mein nächstes Buch, das im Winter 2011/12 erscheint, ist ein Familienroman. Gerade schreibe ich ebenfalls wieder an einem neuen Roman.


Noch etwas verbindet Dich mit deiner Romanfigur. Die Liebe zu alten Dingen, die, wie du sagst, dir Geschichten zuflüstern. Gibt es ein besonderes Fundstück, welches Du mit uns teilen möchtest?


Auf dem Sperrmüll habe ich einen alten Küchentisch gefunden. Die Platte war ganz kaputt, deshalb wollte ich sie austauschen. Und als ich sie mit den Nägeln von dem Untergestell riss, entdeckte ich, dass auf jedem der vier Füße ein Herz mit Initialen eingraviert ist. Ich habe mir vorgestellt, wie Jemand diesen Tisch gezimmert und seiner Liebe versteckt Ausdruck gegeben hat. Ich fantasiere immer wieder herum, ob die Person, der die Herzen gewidmet wurden, ihre Suppe an diesem Tisch aß, oder ob der Schreiner eine ganz andere Frau geheiratet hat, die ihn bekochte. Oder ob er vielleicht in einen Mann verliebt war und dies nicht ausleben durfte oder oder...


Ich kann mir vorstellen, dass der Roman vieles in Dir wieder hat aufleben lassen. Gab es Momente, in denen Du dachtest, nicht mehr weiter schreiben zu können?


Als ich mit dem Schreiben an „Irgendwie mein Leben“ begonnen habe, hatte ich sogar den ausdrücklichen Wunsch, vieles noch einmal aufleben zu lassen. Es war nicht immer leicht, aber es tat trotzdem sehr gut und war befreiend.


Was rätst Du Frauen, die Dein Schicksal, den Verlust eines Kindes, teilen?


Es ist ganz wichtig, dass man sich nicht von irgendwelchen gesellschaftlich geprägten Vorstellungen, wie Trauer abzulaufen hat, beeinflussen lässt. Trauer hat einen völlig individuellen Rhythmus. Es ist heilsam, Gefühle zuzulassen. Ich habe beispielsweise sehr früh das Bedürfnis danach gehabt zu lachen. Und ich habe dann gedacht, ich kann doch nicht so kurz nach dem Tod meiner Tochter wieder lachen, liebe ich sie denn nicht genug? Was natürlich totaler Blödsinn ist. Trauer heißt nicht, dauernd zu weinen. Trauer ist ein langer Prozess, in dem man lacht und weint und oft auch gar nichts fühlt oder nur Wut.


Der Glaube an ein Leben nach dem Tod kann Menschen helfen den Verlust eines Menschen erträglicher zu machen. Was war es bei Dir, was Dir dabei geholfen hat, den Schmerz zu ertragen?


Das Schreiben. Ein paar Wochen nach dem Tod meiner Tochter habe ich mit dem Schreiben an meinem zweiten Kriminalroman angefangen. Es tat mir gut, in eine andere Welt, in andere Emotionen abtauchen zu können, wann immer mir danach war.


Wie sieht Dein Schreibtag aus? Hast Du dabei irgendwelche Rituale?


Rituale nicht direkt. Außer vielleicht - dass ich immer viel grünen Tee dabei trinke.


Wir Bücherjunkies haben ja bekanntlich unsere Lese-Macken. Hast Du auch eine? Wenn ja, kannst Du sie uns bitte verraten?


Meine schlimmste Macke ist eigentlich, dass ich ständig Bücher haben muss, auch wenn ich nicht sofort dazu komme, sie zu lesen. Ich gebe deshalb viel zu viel Geld dafür aus. Man gönnt sich ja sonst nichts...


Ich nenne zwei Worte und Du schreibst das erste, was Dir in den Sinn kommt, dazu auf.


Dunkelheit

Angst. (Gerade wieder vor Radioaktivität)


Hoffnung

meine Kinder


--------


Falls Ihr mehr zur Autorin und ihren Werken erfahren möchtet, dann empfehle ich Euch den Besuch auf ihrer liebevoll gestalteten Webseite.


Mittwoch, 8. Dezember 2010

[Ein Name- Ein Buch] Gina Mayer - Die verlorenen Schuhe




Wie das Buch zu mir fand:


Bei unserem Bloggertreffen in Köln durfte ich - wenn auch nur kurz - Gina Mayer kennen lernen, die mir auf Anhieb sehr sympathisch war. Nach einem netten Gespräch war mir schnell klar, dass ich unbedingt nachholen muss eines ihrer Bücher zu lesen. Auf dem Weg nach Hause formte sich dann auch noch die Idee eine neue Kategorie im blog zu eröffnen, in dem ich Autoren, deren Bücher mich intensiv berührt haben, gerne vorstellen möchte.

So entstand die neue Rubrik „Ein Name - Ein Buch“. Ich hoffe, dass ich hier nach und nach die Gelegenheit haben werde, diese Rubrik zu füllen.


Hier also zum Auftakt von Ein Name - Ein Buch mit Gina Mayer - Die verlorenen Schuhe.



Inhalt:

Schlesien im Herbst 1944. Inge, behütete Tochter wohlhabender Eltern, lebt auf Gut Hohenau. Es ist Krieg, doch für Sie ist dieser eher weit weg und eher eine beiläufige Begebenheit. Inge ist verlobt mit dem umschwärmten Wolfgang und hat eine genaue Vorstellung von ihrer Zukunft. Wolfgang und alle anderen Männer des Ortes sind an der Front. Das Gut wird daher von Fremdarbeitern aus Polen bestellt. Für Inge sind diese Menschen einfach nur da. Sie nimmt sie nicht wirklich wahr. Wanda, ist eines dieser Fremdarbeiter. Sie ist ein robustes und kräftiges Mädchen und arbeitet als Pferdeknecht des Hofes. Sie wurde von den Deutschen aus ihrer Heimat in Polen verschleppt und muss nun auf dem Hof arbeiten. Während Inge in ihrer eigenen Traumwelt lebt und ein verzerrtes Bild von der Realität hat, ist Wanda mitten im harten Leben. Sie und Inge haben kaum etwas miteinander zu tun. Bis....


der Krieg auch Gut Hohenau erreicht. Als Inge von ihrer Schule heimkommt, sind alle weg! Alle bis auf Wanda, deren Namen sie nicht eimal kennt. Deren Gegenwart ihr eher aufstößt. Doch ihr bleibt nichts anders übrig, als mit dieser ihr doch so fremden Wanda in die Flucht aufzubrechen. Eine Flucht, dessen Ziel nicht einmal klar ist. Eine Flucht, die voller Strapazen ist. Eine Flucht, die beide Mädchen von Grund auf formen wird.


Wahrheiten-Rezension:

Mit „Die verlorenen Schuhe“ hat Gina Mayer ein Buch geschaffen, in dem es ums Überleben geht, in dem es ums Erwachsen werden geht, in dem es ums Vertrauen und kämpfen geht. Sie hat eine Geschichte kreiert, die auf fesselnde Weise historische Tatsachen mit dem fiktiven Schicksal zweier Mädchen verbindet. Dies gelingt ihr ausgesprochen gut. Das Buch beschreibt die damalige Zeit sehr anschaulich und ermöglicht dem Leser Einblicke in eine Zeit, die uns zwar historisch bekannt, doch emotional so fremd ist. Gina Mayer gelingt es in ihrem Roman schreckliche Ereignisse behutsam und trotzdem sehr gut nachvollziehbar zu schildern, so dass jüngere Leser, für die dieser Roman gedacht ist, nicht überlastet werden. Mich hat insbesondere der Talent der Autorin beeindruckt die nötigen politischen Hintergründe darzustellen ohne mit dem Zeigefinger drauf zu zeigen und ohne den eigentlichen Fokus der Geschichte aus den Augen zu verlieren. Die Sprache der Autorin ist so weich und sentimental ohne zu flach zu wirken und verstärkt die Nähe zum Schicksal der beiden Mädchen. Die Geschichte liest sich absolut flüssig und der Leser möchte das Buch nicht zur Seite legen, ohne den Verlauf der Geschichte zu erfahren.

Es sind zahlreiche Passagen im Buch, wo man in Gedanken abschweift, da sie so viel Tiefe aufweisen.


„Man sieht einem Menschen immer nur ins Gesicht, hatte Wandas Mutter früher einmal zu ihr gesagt. Aber wie einer wirklich ist, das zeigt sich erst in der Not. Wie recht sie hatte, erkannte Wanda jetzt. Je tiefer sie und Inge in die Not gerieten, desto mehr erfuhren sie voneinander. Und desto mehr erfuhren sie auch über sich selbst.“


Beeindruckend fand ich auch die Entwicklung der beiden Mädchen zu verfolgen. Es war beeindruckend wie das Leben, der Krieg und die Umstände ihrer Flucht sie geformt haben. Die am Anfang so unterschiedlichen Personen sind durch ihr gemeinsames Schicksal zusammengewachsen. Hass-Frust-Ohnmacht-völlige Gefühlstaubheit finden letztendlich ihr Ende in einer unbeschreiblich sensiblen Freundschaft.


"Ich glaube, es gibt kein Ziel. Ich glaube, dass das Leben immer weitergeht, bis es einmal zu Ende ist. Man ist immer unterwegs.“


Fazit:

„Die verlorenen Schuhe“ von Gina Mayer ist ein Buch über Hoffnung, Liebe, Trauer, dem Kampf ums Überleben und über Freundschaft und Familie. Es ist ein tiefsinniger Roman über ein Stück deutscher Geschichte, die wunderbar jugendgerecht erzählt ist. Ich bin beeindruckt!




Gina Mayer im Interview:



Ich habe Dich als sehr fröhlichen Menschen empfunden. Wie kommt es, dass Du relativ ernste Bücher schreibst, die in einem bestimmten politischen Kontext eingebunden sind?

Die Frage kommt unweigerlich in fast jedem Interview, trotzdem habe ich bisher keine richtige Antwort darauf gefunden. Warum muss ich immer über Tod und Verderben schreiben, warum kann ich nicht mal einen Katzenkrimi verfassen oder eine harmlose Liebesgeschichte? Vielleicht liegt es daran, dass ich so lange an jedem einzelnen Buch arbeite. In einem Roman wie „Das Lied meiner Schwester“ steckt über ein Jahr meines Lebens. Da will ich mich auch mit Themen beschäftigen, die mir wirklich wichtig sind und mich bewegen. Ich will die Zeit nutzen, um etwas zu begreifen und zu lernen und mit jedem Buch ein bisschen zu wachsen.

Träumst Du von Deinen Figuren?

Von Inge und Wanda aus „Die verlorenen Schuhe“ habe ich oft geträumt. So nahe wie die Flucht aus Schlesien ist mir noch kein Thema gegangen. Vermutlich lag es an den vielen Interviews mit Zeitzeuginnen, die ich in dieser Zeit geführt habe. Die Gespräche mit den Frauen, die 1945 aus Schlesien geflohen waren, waren alle sehr emotional und ergreifend.

Wie sieht Dein Schreibtag aus? Hast Du dabei irgendwelche Rituale?

Rituale ist vielleicht der falsche Ausdruck. Ich würde es eher Zwänge nennen. Ich schreibe jeden Morgen von acht bis eins, nachmittags und abends überarbeite ich das Geschriebene dann noch mal. Morgens trinke ich grünen Tee und Milchkaffee, nachmittags Kräutertee, abends Wein. Mein Leben ist eine einzige Zeitschleife.

Was war Dein Lieblingsbuch in Deiner Kindheit?

Ich mochte alles von Astrid Lindgren, Erich Kästner und Michael Ende. Und Enid Blyton. Und Berte Bratt. Die heute keiner mehr kennt, Gott sei Dank.

Ist das Recherchieren eher ein lästige Pflicht um einen in sich geschlossenen Roman zu schreiben, oder bedeutet es etwas anderes für Dich?

Schreiben macht mehr Spaß als Recherchieren, das steht fest. Aber die Recherche ist der Boden, aus dem der Roman wächst.

Wenn ich mir die Grundlagenforschung, dieses Suchen nach Details, das Rumstochern in Archiven und Erinnerungen, irgendwie ersparen oder wenigstens verkürzen könnte, würde ich es sofort tun. Aber es führt kein Weg dran vorbei. Und wenn man einmal die richtige Quelle entdeckt hat oder den richtigen Sachverständigen oder Zeitzeugen gefunden hat, dann ist das eine Offenbarung. Plötzlich begreift man Zusammenhänge, wo vorher nur Zahlen und Daten und Fakten waren. Und das ist wiederum ein gutes Gefühl.

Wir Bücherjunkies haben ja bekanntlich unsere Lese-Macken. Hast Du auch eine? Wenn ja, kannst Du sie uns bitte verraten?

Lesemacken? Hab ich nicht. Bei mir ist alles vollkommen normal. So lange ich nur immer ein Buch in der Handtasche habe und eins auf dem Nachtisch und drei bis zehn weitere darunter, die ich noch nicht gelesen habe. Nur wenn der Stapel niedriger wird oder wenn ich aus Versehen mal ohne Buch in die Bahn gestiegen bin oder im Wartezimmer sitze, fangen meine Hände an zu zittern und der Schweiß bricht aus und dann setzen die Wahnvorstellungen ein. Aber ansonsten, wie gesagt, alles im grünen Bereich. Süchtig? Nee, ich doch nicht.

Was bedeuten Dir Bücher und wie viel Platz nehmen sie in deinem Leben ein?

Sie bedeuten mir ziemlich viel (siehe oben) und sie nehmen auch ziemlich viel Platz ein. Also, um genau zu sein fast mein ganzes Arbeitszimmer und Teile des Wohnzimmers und den ganzen Bereich rund ums Bett und die Ablage neben den Herd und die Garderobe und den halben Keller.